
Vordergründig mag es scheinen als sei es ein irritierendes Moment, das die Arbeiten von Holger Niehaus ausmacht. Doch ist es immer wieder die Schönheit, welche Thema seiner Fotografien ist. Damit allerdings noch lange nicht genug: Oftmals begegnen wir auf den ersten Blick sehr klassisch anmutenden Elementen aus dem barocken niederländischen und flämischen Blumen- oder Früchtestilleben bzw. der Vanitasmalerei. Doch stimmt etwas nicht in jeder einzelnen Arbeit seines inzwischen erstaunlichen Oeuvres. Früchte sind perfekt arrangiert, doch penibel geschält und werden so zu einem Konglomerat aus Früchtestilleben und Aktdarstellung. Eine Blutorange ist verfault und entwickelt eine wunderbare Farbkomposition. Eine verwelkte Blume wird zu einer lebensgroßen, wunderschönen Tänzerin. Eine Sonnenblume ist pastos mit Ölfarbe angemalt und bietet – unter anderem – einen ganz neuen Blick auf das Stilleben, dessen Fotografie und natürlich van Gogh.
Durch technische Perfektion entsteht ein geschlossener Kosmos, der seine Wirkung verstärkt durch den Gedanken, dass hier im Grunde eine temporäre Skulptur mittels Fotografie eingefangen wurde in einem Objekt aus Rahmen und Glas. Mittels Schere, Skalpell, Lack, Kleber, Tape, Schablonen, Farben und einem präzisen Auge begegnen wir wunderschönen Arrangements aus Licht, Farbe, Oberfläche und Intensität.
In einigen Arbeiten kommt das malerische Element durch Anspielungen auf Ikonen der Moderne besonders zur Geltung; virtuos aber dennoch subtil und dezent wird die Grenze zwischen Malerei und Fotografie aufgehoben. Beispielsweise wenn Holger Niehaus den Stiel einer leuchtend roten Amaryllis vor rotem Hintergrund in ebendiesem Rot lackiert und die Blume in einer blauen Vase auf einem gelben Untergrund zeigt, müssen wir uns an die bahnbrechende Serie Barnett Newmans „Who´s afraid of Red, Yellow and Blue“ erinnert fühlen. Oder wenn der Künstler ein buntes Blumenbouquet peinlich genau so linear rechteckig beschneidet, dass die Außenlinien der dazugehörigen schwarzen, rechteckigen Vase fortgeführt werden, könnte man eine Hommage an Malewitschs „Schwarzes Quadrat auf weissem Grund“ von circa 1915 sehen. Diese Art der Naturbeherrschung ist aus der Geschichte der Gartenarchitektur wohlbekannt und wird hier effektvoll paraphrasiert und subtil hinterfragt.
Die sinnlich inspirierte Materialgenauigkeit der Bildelemente, welche durch oftmals sterile Statik und Reinheit kaum weiter entfernt von ihrer natürlichen Umgebung inszeniert sein könnten, ist nicht nur eine in sich angelegte Provokation, sondern diese Art der Manipulation stellt zugleich sowohl das Natürliche wie auch das Konstruierte der Kompositionen in Frage. Das Vanitas-Element wirkt umso intensiver und abstruser, je sauberer und perfekter die Komposition gestaltet ist. Im historischen Genre entpuppt sich die Vanitas-Idee allzu oft als eine Fratze. Nicht so bei Niehaus, denn es wird eine zeitgenössische Kodierung geschaffen und bewusst mit der Tradition umgegangen: Respektvoll stellt sich Holger Niehaus einer doppelten Vergleichbarkeit, nämlich auf einer ikonologischen als auch auf der fotografiegeschichtlichen Ebene.
Seit relativ kurzer Zeit arbeitet Holger Niehaus zusätzlich an abstrakten Flächenkompositionen aus farbigen Papieren. Auf experimentell erfrischende Art und Weise tragen diese Arbeiten eine Art Quintessenz in sich, sowohl in fotografischer als auch in malerischer Hinsicht. Denn am Ende sind beide künstlerischen Gattungen nicht mehr und nicht weniger als Farbe, Fläche, Licht, Schatten und deren Komposition. Den Zusammenhalt und das Spiel dieser Elemente beherrscht der Künstler sowohl in den figürlichen als auch in den abstrakten Arbeiten nahezu in Perfektion.
Holger Niehaus, geboren 1975 in Nordhorn, studierte an der AKI - Academie voor beeldende Kunst en Vormgeving Enschede, Niederlande. Nach mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem in Amsterdam, Utrecht, Santiago de Compostela, Hamburg und Berlin, ging zum Jahreswechsel seine erste museale Einzelpräsentation im Gemeentemuseum Den Haag zuende. Wir freuen uns daher besonders, in der Ausstellung „LOADED“ Arbeiten aus Den Haag sowie einige neue Werke präsentieren zu dürfen.

Sally Osborn, geboren 1963 in England, repräsentiert eine von der schottischen Glasgow School of Art geprägte Künstlerposition, die mit ihrer formsprachlich eigenwilligen, reduzierten Bildsprache eher auf der britischen Insel familiär erscheint, auf dem europäischen Festland jedoch deutlich unkonventioneller daherkommt. Aus dem weltweit auf sich aufmerksam machenden künstlerischen Schmelztiegel Glasgow kommend, stellte sie u.a. bereits mit Künstlerinnen wie Karla Black und Sue Tompkins aus. Nach Arbeitsaufenthalten in Dublin, Amsterdam sowie Berlin und Gruppen- und Einzelausstellungen bei doggerfisher / Edinburgh, Transmission Gallery / Glasgow, GOMA / Glasgow, Kunsthaus Langenthal / Schweiz, Cooper Gallery / Dundee, Schottland ist es die erste Einzelausstellung Sally Osborns bei tinderbox.
Leidenschaftlich plaziert und miteinander choreografiert gehen die Arbeiten von Sally Osborn über coolen Formalismus weit hinaus. Begleitet von feinfühliger und eleganter Aufrichtigkeit setzt die Künstlerin fragilste, fast selbstzerstörerische Materialien wie Taschentücher, verdampfendes und reflektierendes Wasser, Glühbirnen, dünne Kunststoffgefässe, Silberfolie, Seide, aber auch Holz, Ton, der austrocknet, Wachs, Gips und Menschen ein. Und immer reagiert sie sensibel und spontan auf Umgebungen und die dazugehörigen interagierenden Individuen. Ob die Umgebung den Zustand der künstlerischen Arbeiten beeinflusst oder die Kunstwerke die Atmosphäre des Raumes dominieren und definieren, ist eine der zentralen Fragestellungen, die im Oeuvre der Künstlerin immanent sind. Zum Teil werden Arbeiten im Studio angefertigt, aber immer auch in situ, um auf den Kontext zu reagieren, die Installation zu inszenieren und dem Betrachter eine bessere Sinneswahrnehmung zu ermöglichen. Obwohl es sich um höchst fragile, vorsichtige und teils vergängliche, aber immer sehr präzise Arbeiten handelt, soll es auch um physische Präsenz versus psychische Antwort der Betrachter gehen. Die gegenseitige Befruchtung durch intuitive Praxis und einen sich ständig erweiternden Horizont aus kulturellen, politischen, historischen, wissenschaftlichen, anekdotischen und mythologischen Recherchen ist dabei äußerst bedeutsam, wodurch eine klare Verschränkung von situativ-intuitivem und theoretischem Kontext herrscht.
Unter dem dramatischen Titel „Guilt desire longing & regret“ hat Sally Osborn eine Gruppe von Arbeiten für tinderbox konzipiert. Die in dieser Anhäufung pathetischen Begriffe des Ausstellungstitels, allesamt emotionale Zustände beschreibend, aber keine klaren visuellen Referenzen repräsentierend, stehen in naher Assoziation mit den Filmen des französischen Regisseurs Alain Resnais, der mit den Autoren Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet - Vertreter des Nouveau Roman - zu einem neuen literarischen Stil in den 1950er und 1960er Jahren beitrug. Sie verweigerten traditionelle Handlungen einer Geschichte und zeigten stattdessen experimentelle Strukturen, die über Drama, Action und Event hinausgingen und den Betrachter in das szenische Geschehen einbezogen. Resnais´ Filme „Hiroshima Mon Amour“ und „L'Année dernière à Marienbad“ verweisen wortgewandt auf eine Reihe von komplexen Möglichkeiten wie Zeit, Erinnerung und Bewusstsein abgebildet werden können. Die skulpturalen Arbeiten in der Ausstellung „Guilt desire longing & regret“ nehmen wie ein halberinnerter Traum, der Grenzen zwischen subjektiver und objektiver Realität verwischt, Bezug darauf. Der Rezipient wird dabei in die skulpturale Geste und deren Erfahrung eingerahmt.
Für die Ausstellung bei tinderbox setzt die Künstlerin unter anderem ihre Serie „Scènes de la vie privée“ fort, deren Titel von Honoré de Balzac inspiriert ist, und die sich auf Themenkomplexe wie die Ambivalenz zwischen Privatem / Interieur und Theatralik / Show / Öffentlichkeit sowie Objekte in neuem Ausstellungszusammenhang und die Imagination (des Kontextes) durch den Betrachter konzentriert. In diesem Zusammenhang geht es um „performatives Potential“ und „human touch“ von Kunst . Auch wird die Arbeit „Thinking for U“ zu sehen sein, die sich teilweise auf Lucy Lippards experimentelle Novelle „I see / you mean“ von 1970 bezieht und in der es um zeitgenössische Kunst und politische Konfrontationen der 1960er Jahre geht. Lucy Lippard nannte ihre Beschreibungen „verbale Photographien“, was Sally Osborn insbesondere zu ihrer Arbeit anregte. Die Arbeit „Doubts cast shadows“ findet ihren Bezug in Jan van Eycks Malerei „Der Zauberer“, die den Blick des Betrachters zunächst auf den Zauberer selbst richtet, der seine Tricks dem Publikum vorführt, ungeachtet des Gedankens, dass das Eigentliche sich „off stage“ abspielt.
„I see
Light and dark
Mass and contour
Colour and monochrome
I know
of balance and suspension
Of the infra-thin distinction
Of infinite threads
I sense
The comfort of the unconscious
The folly of permanence
The fallibility of the full stop“
Pauline Hanson, in: Sally Osborn, 2008, Lecturis, Eindhoven.

Die erste Einzelausstellung der Hamburger Künstlerin Corinna Korth bei tinderbox wird den Ausstellungsraum zugleich in einen Erfahrungs- und Dokumentationsraum, ein Ahnen- und Gruselkabinett, ein Kino sowie in eine Ausstellung voller Poesie und Fabelhaftem verwandeln.
Homo sapiens, der Vernunftbegabte, neigt dazu, das Menschsein in Abgrenzung zu den Tieren zu definieren. Menschliches Verhalten und die damit verbundenen Wertesysteme werden häufig als ehrenwerter und vernünftiger betrachtet als das tierische „wilde“ Leben. Der ausgewilderte Einzelgänger (engl. rogue – Schurke) findet sich im politischen Schlagwort „Schurkenstaat“ wieder, das auf Unberechenbarkeit und mangelnde Anpassungsbereitschaft abzielt, die als tierisch empfunden werden. Als Mischwesen zwischen Tier und Mensch befindet sich Corinna Korth in der Schwebe zwischen Wildnis und Zivilisation, ganz so, als sei sie ausgewildert und müsste sich wieder im menschlichen Lebensraum eingliedern oder umgekehrt.
Dabei hatten wir Menschen, bevor wir Opfer ökonomischer Gesetzmäßigkeiten wurden, zivilisatorische Wurzeln, die Kultur und Natur in Einklang zu bringen suchten. Blicken wir auf die Ahnen der Mischwesen, die zurückreichen bis in mythologische Zeiten, bis zu den Kentauren, zu Minotaurus, Anubis und der langen Reihe stolzer Werwölfe, dann müssen wir auch, nicht ohne Wehmut, unserer eigenen kulturellen Traditionen gedenken, die in grauer Vorzeit liegen, verschüttet von Infotainment, Gameboys und Popkultur. Wir Menschen haben es weitgehend geschafft, Natur und Kultur hinter uns zu lassen, während die Mischwesen noch, hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Welten, auf der Suche nach ihrer Identität sind.
Seit Corinna Korth 1999 durch einen Zeitungsartikel auf die Bemühungen um Wiedereinbürgerung von Wölfen in Deutschland aufmerksam wurde, hat sie sich um einen der begehrten Plätze beworben und eineinhalb Jahre lang die Mühlen der Bürokratie durchlaufen, um als Canis Lupus eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeit in Deutschland zu finden. Nach einer vorläufigen Aussetzung der Abschiebung hat sie ihr Sprachdiplom absolviert, sich an der Hochschule der Künste in Hamburg eingeschrieben, Impfungen über sich ergehen lassen und Gesundheitszeugnisse erhalten, um schließlich nach einer Feststellung der Personalien und der Eröffnung eines Sparbuchs einen Job als Schafshirte anzunehmen - der Beginn ihrer künstlerischen Karriere.
Doch das Dasein als Hybridwesen zwischen Mensch und Wolf ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange im Repertoire Corinna Korths. Seit einiger Zeit hat sich ihr Arbeitsfeld auch auf Ratten, Fledermäuse, Marder, Füchse, Waschbären, Raben und Meisen als Protagonisten ihrer modernen Fabeln ausgedehnt und weist auf die komplexe Welt, in der Korths künstlerische Auseinandersetzung stattfindet. So ergreift sie mehr und mehr Partei für die animalische Fraktion. All das ist in der freien Wildbahn ebenso hilfreich wie in den Chefetagen von Großbanken oder in der weitläufigen Kunstszene.
Hier tut sich eine Parallelwelt auf, die nicht nur abgründige Komik, sondern auch umfassende Assoziationen und mögliche Gedanken hinsichtlich biologischer, politischer, sozial- und zivilisationskritischer, fabelhafter und poetischer Faktoren aufzeigt. Schliesslich war es von jeher einfacher, in verschiedenen Maskeraden die Grenzen einer verlogenen Moral und einer fragwürdigen Toleranz auszuloten. Die Arbeit mit Tier-Mensch-Hybriden erscheint aktueller denn je, seit in England menschliches mit tierischem Erbgut gekreuzt werden darf. Ist der Mensch als Mensch noch überlebensfähig oder liegt die Zukunft in der Optimierung des Menschen durch tierisches Genpotential?
Für die Ausstellung „Kulturfolger“ hat Corinna Korth einige Objekte ausgewählt, die auf ihre weitläufige künstlerische Welt hinweisen, beispielsweise das Skelett eines Werwolfes, das sie scheinbar im Zuge einer Ausgrabung bei einem brandenburgischen Schloß entdeckt hat und das bereits im dortigen kulturhistorischen Museum ausgestellt worden ist. Auch eine mehrteilige fotografische Dokumentation von Menschen, denen Tätowierungen aus Tierfell gewachsen sind, beispielsweise in Form des typographischen Tattoos „You never howl alone“, wird zu sehen sein. Zudem gibt es eine großformatige, als Stammbaum angelegte Ahnengalerie von Hybridwesen aus der Familiengeschichte Corinna Korths.
Zudem hat die Künstlerin ein Rudel von 40 Hybridwesen aus Mensch und Ratte filmisch begleitet, während es sich nach der Méthode Naturelle (Bewegungeslehre für das Überwinden natürlicher Hindernisse) durch den urbanen Raum bewegt. Die Rattenmenschen fangen an, sich die Stadt mit Sprüngen und trainierten akrobatischen Bewegungen zu erobern. Bekannt ist diese Art der Fortbewegung als Le Parkour, eine Zurückeroberung des urbanen Raumes in Zeiten seiner zunehmenden Besetzung für private und vor allem kommerzielle Zwecke, indem er immer mehr privatisiert wird und daher kaum noch öffentlicher Raum im Sinne eines für alle frei nutzbaren Terrains ist. Somit ist Parkour auch im Diskurs der Kunst im öffentlichen Raum mitzudenken.
Das entstandene Filmmaterial wird ein Teil der Videoarbeiten sein, die in einem speziell installierten Kino inklusive Kinosesseln - ein Geschenk ihres ehemaligen Professors an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Stanley Brouwn - in der Galerie zu sehen sein werden.
Schliesslich hat sich Corinna Korth weitergehend mit dem Phänomen der Kulturfolger beschäftigt, das zugleich Titelgeber der Ausstellung ist. Kulturfolger sind Tiere oder Pflanzen, die aufgrund anthropogener landschaftsverändernder Maßnahmen Vorteile erlangen und deshalb dem Menschen in seine Kulturlandschaft (Äcker, Wiesen, Verkehrswege, Siedlungen, Behausungen) folgen. Menschen mit Nachnamen der städtischen Kulturfolger - wie Hase, Fuchs, Bär, Wolf und Hirsch - wurden ausfindig gemacht, vermessen und fotografiert und sind Grundlage von Corinna Korths aktuellster Arbeit, die im Zuge der Ausstellung „Kulturfolger“ ihren Anfang nehmen wird.
Nicht nur das elaborierte und umfassende wissenschaftlich-theoretische Fundament von Corinna Korths Werk, sondern auch die facettenreichen Genres, derer sie sich mit viel Witz, Gefühl und Treffsicherheit bedient, lassen uns an eine Art jungen weiblichen Matthew Barney im Mantel der Arte Povera denken.

„In Wirklichkeit liebe ich die Malerei. Und ich hasse Kunstfertigkeit. Es gibt viele Maler die voller Scheisse sind. Das Benutzen von Farbe als Material ist definitiv komplizierter als ich vergleichsweise Anerkennung dafür bekomme. Im Leben und in der Malerei gibt es Menschen, die Extravaganzen und Affektiertheiten nutzen und solche, die direkt und effizient sind. Ich würde gern zu der zweiten Gruppe gehören. Lange habe ich nicht mehr reingelesen, aber sofern ich mich erinnere, trifft „Nietzsche contra Wagner“ es sehr gut. Meine extrem reduzierte Version dessen, was das Buch aussagt, geht so: Mach keinen scheinheiligen Wirbel um zu beeindrucken. Sei direkt und täusch kein Drama vor um Inhaltsleere zu verdecken. Ich benutze Farbe als Material, nicht um schöne Bilder zu machen. Farbe wird von Menschen benutzt um beispielsweise Räume zu tünchen oder Schilder zu machen. Sie ist ein Material, das eine Menge Dinge direkt ausdrücken kann. Ich glaube, „Kunstmenschen“ wollen sich das Material Farbe oft nur auf ihre spezielle Art zunutze machen. Eines der Dinge, die immer und immer wieder in meinem Kopf auftauchen, ist ein Kommentar, den Frank Stella angeblich mal zu Carl Andre über "alltägliche" Materialien gesagt haben soll, die auch Skulptur seien. So denke ich über Farbe.“
(Todd Norsten)
Todd Norstens künstlerische Arbeit beginnt damit, Schnappschüsse zu machen, die ein stetig wachsendes visuelles Tagebuch bilden. Aus Fotos von Werbetafeln aller Art, Materialien, Objekten, Postern etc. bildet er ein spontanes digitales Skizzenbuch. Indem er Wörtern und Bildern ihren originalen Kontext entzieht und sie neu „rahmt“, öffnet Norsten die Möglichkeiten von Sprache und Bild. Er behandelt Wort und Schrift als ein visuelles Register mit abstrakter Schönheit. „Das vordergründige Anliegen Norstens ist es, Sprache und die Wahrnehmung von Korrektheit zu untergraben und so das Ausmass, in welchem das Konzept Sprache eigentlich unsere Erkenntnis über uns selbst und andere definiert, deutlich zu machen.“
„Es gibt eine natürliche Verbindung zwischen Malerei und Literatur. Als Betrachter neigt man dazu, Bilder wie Texte zu lesen, programmatisch Zeichen zu übersetzen, die abgeglichen werden, um Sinn zu machen. Trotzdem unterscheiden sich visuelle und geschriebene Sprache in ihrem jeweiligen Drang nach Lesbarkeit und einer ultimativen Aussage. Doch ist es die Spontaneität des gesprochenen Wortes mit seiner Betonung, seinem Tempo, seiner „Unvollkommenheit“ und seinem geistreichen Humor, die eine natürliche Allianz mit der bildnerischen bzw. malerischen Welt eingeht. Es ist die kreative Freundschaft zwischen Bild und Sprache, auf die Todd Norsten in seinem neuesten Werkkomplex aufbaut und in dem die bestechende Knappheit und Schärfe von Bildern und Äusserungen von bitterböser Kritik bis zu höchstem Humor reicht. Seine Arbeiten veranschaulichen Gedanken, die unseren eigenen Gedanken erschreckend ähnlich sind: manchmal ungewiss, abstrakt, ehrlich und bisweilen unangebracht.
Todd Norsten ist ein durchaus unorthodoxer Maler, der mit Farbe zeichnet und die Konventionen des Mediums überschreitet, das sich durch sein traditionelles Beharren auf übereinander gelagerten Flächen auszeichnet. Norstens Herangehensweise an die Malerei basiert auf konturierenden Linien und Transparenz, die über und unter Flächen hervorkommt, sowie vor allem einem hybriden Status zwischen Malerei und Zeichnung.“
Letztendlich feiern die Malereien als formale Übungen das Erweitern der Limits bezüglich der Herstellung von Kennzeichen und befruchten die Möglichkeiten der Malerei. Norsten erreicht sozusagen die Kernspaltung, indem er reichhaltige, weisse Untergründe – entstanden über eine langen Zeitraum und niemals einander gleichend – und eher spontan gerenderte Subjekte einander gegenüberstellt. Dennoch kann man sagen, dass die weissen Oberflächen ebenso die Subjekte der Arbeiten sind. Eine Tatsache, die sich über die Zeit offenlegt.
Die Fähigkeit des Künstlers, high und low auszubalancieren, kreiert eine endlos verblüffende Linse, durch die man die Arbeiten sehen kann. Die bescheidenen Provenienzen seiner Bildgegenstände werden als Hilfsmittel benutzt um geheimnisvolle Grundsätze modernistischer Malerei zu eruieren. Und das high beschützt das low davor, formal zu festgelegt, zu schrill oder zu berücksichtigend in seiner kulturellen Verortung zu erscheinen – und umgekehrt.
„Die Nicht-Anerkennung, könnte man sagen, ist das Zentrum von Todd Norsten´s Bildverständnis und seiner Arbeit als Maler. Die meisten Malereien sind gekennzeichnet durch die Abwesenheit absoluter Lösungen, formale Kühnheiten und Bild- bzw. Schriftelemente, die ihre Bedeutung nur fragmentarisch erschliessen, um dem Betrachter ein respektloses Lachen zu erlauben. Am Ende erinnern diese Arbeiten den Betrachter daran, dass es keine fruchtlose Rede ohne Humor geben kann, oder, wie der Künstler zugibt: „Es ist schwer, mit einem Sinn für Humor zu arbeiten. Es muss lustig, lächerlich, absurd, fein, scheisse, schmerzhaft, böse und schön sein“.“
Norsten, geboren 1967 in Minnesota, ist also ein unfassbarer Humorist. Aber auch ein Moralist in Maskerade, der ästhetische und humanistsische Ideen seziert mit der paradoxen Zielsetzung, seine Zweifel mit uns zu teilen und uns mit seinem Ekel sowie zugleich und vor allem seiner Glückseligkeit zu erfüllen. Nachdem er die Kunstakademie von Minneapolis beendete, hatte er zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in den USA und Asien, beispielsweise im Midway Contemporary Art Center / Minneapolis / USA, im Walker Art Center / Minneapolis / USA und in der Arario Gallery / Seoul / Korea. 2006 nahm er an der vielbesprochenen Whitney Biennale „Day for Night“ teil. „Drunkasaurus“ ist seine erste Präsentation in Europa. Zu sehen sein werden neue Malereien und Zeichnungen, die einerseits formal subtil, leisetreterisch und teils beinahe minimalistisch erscheinen und die uns andererseits entführen in eine bestechende Welt bezüglich der Frage, was Malerei auch sein kann.
Zitiert aus: Yasmil Raymond, Walker Art Center Curator, in: Todd Norsten, hrsg. v. Arario Gallery, Seoul, Korea, 2007, Seiten 10 – 13.

Gegensätzlichkeiten mittels einer konzeptionell-konkreten sowie narrativen Bildsprache aufzubrechen und neu auszuloten, als auch das Evidente und Undurchsichtige in einem Bildgegenstand einzufassen, bildet den Ausgangspunkt der neuen Arbeiten von Thomas Straub. Der Künstler geht dabei von der Beobachtung einer konkreten Form aus, deren Gestalt er revidiert und in einer synthetischen Betrachtung innerhalb seiner plastisch-bildhauerischen Arbeiten zur Disposition stellt. Unter Einbezug von kunsthistorischen wie auch gesellschaftsanalytischen Dokumenten arbeitet Straub in einer diskursiven Weise, wobei seine Bilder und Objekte durch einen wissenschaftlichen Kontext letztlich zur Schärfung dieses Diskurses beitragen.
Für die Ausstellung "Rigorose Dämmerung" " seine zweite Einzelausstellung in der Galerie Tinderbox " hat Thomas Straub ein Raum- und Beleuchtungskonzept entwickelt, welches den szenischen Charakter des Ortes hervorhebt, und zugleich durch die Positionierung seiner Arbeiten einen Parcours innerhalb des von ihm geschaffenen Raumgefüges aufstellt. Im Errichten einer rasterartigen Holzkonstruktion, verkleidet mit einer halbtransparenten Kunststofffolie, hat der Künstler eine Membran eingezogen, die einen separaten " in sich geschlossenen " Raum im Ausstellungsraum einschließt. Der Betrachter wird hierbei durch die von Straub intendierte Raumführung geleitet. Raum, Licht (als Material) und Schatten verschmelzen dabei mit der Substanz der einzelnen Arbeiten, wobei sich die Formhaftigkeit der Objekte als Spur im Zwielicht des Raumes abzeichnet.
Der Zustand der Dämmerung ist als konstitutiver Bestandteil der Ausstellung zu betrachten: Vier von Straub konstruierte, frei bewegliche Objekte bestehen dabei als einzige Lichtquelle im Galerieraum. Aus einem auf Rollen gelagerten Stativ aus Metall, dessen Fortsatz ein mittelgroßer Ast bildet, entwachsen jeweils unterschiedlich viele Neonröhren aus dem Geäst des Stamms, die eine partielle Beleuchtung in dem von Straub eingegrenzten Raum erzeugen. Das Interieur pendelt dabei zwischen der Rekonstruktion einer organisch gewachsen Landschaft und einem mit Scheinwerfern inszenierten Filmset, dessen offen angelegter Handlungsraum (analog einer Bühne) zwischen Statik und Bewegung changiert. Thomas Straubs Skulpturen nehmen hierbei die Rolle von Statisten und die Funktion eines Requisits zugleich ein.
Die skulpturale Wandplastik "o. T. (Rorschach-Test)" besteht aus einem gefundenen wie auch einem von Straub bildhauerisch reproduzierten Zweig, welchen er als identische Spiegelung des Fundstücks aus Holz geschnitzt und nachgebaut hat. Der Rorschachtest, ein 1921 nach Hermann Rorschach benanntes psychoanalytisches Verfahren, das durch Formdeutungsversuche zur Entschlüsselung des Unterbewusstseins beitragen soll, dient hierbei als formale Referenz: Es ist diese schablonenhafte, in Abklatschtechnik angefertigte Bildstruktur, welche im Gehirn des Betrachters zu einer assoziativen Form zusammengefügt ein inneres Bild des Selbst vermitteln soll. Thomas Straub hat diese Spiegeltechnik der Formverästelung auf den Zweig eines Baumes angewandt. Die spiegelsymmetrische Montage des natürlich gewachsenen Astes und dessen Abbild " analog zum Rorschachbild " skizziert dabei das paradoxe Verhältnis zwischen tatsächlicher Formgestalt und Trugbild, und macht zugleich in der Nachbildung des Zweiges den Versuch der Rekonstruktion von etwas Unwirklichem evident.
Angelegt zwischen funktionalem Produkt und künstlerischem Objekt führt die Arbeit "Große Trage" zu einer Visualisierung der Nähe der Formensprache von Design und konzeptueller, minimalistischer Kunst. Konzipiert mit zwei Griffmodulen pendelt die Gestalt und Proportion des Objekts zwischen Tisch und Bare, und bewegt sich dennoch außerhalb einer eindeutigen Zuordnung, welche sich im Bezugsrahmen des Galerieraums in der Offenbarung als künstlerisches Objekt auflöst. Die Bodenskulptur wirkt dabei im Ausstellungskontext als Requisit, welches ein Moment von Bewegung impliziert, doch diese zugleich im Aufbruch der Funktion als bloßes Objekt negiert.
Mit dem modellhaften, schematischen Nachbau eines Wandelaltars umschreibt Thomas Straub mit der Skulptur "Polyptychon" eine Analyse von Formkombinationen im Raum. Das frei stehende, im Ausstellungsraum auf zwei Kanthölzern positionierte Objekt wurde auf der Basis von ausgewogenen Proportionsverhältnissen der einzelnen Bestandteile errichtet, die in einer symmetrischen Relation, als auch nach dem Gesetz des Goldenen Schnitts zueinander stehen. Das Polyptychon spiegelt dabei einen mathematisch-architektonischen Umgang mit den Elementen eines liturgisch konnotierten, christlichen Kirchenmobiliars. Das Tafelbild der einzelnen Flügel wurde hierbei von Straub durch monochrome Bildflächen ersetzt: In geschlossener Position ist ein schwarzes Tableau sichtbar, wohingegen die Innenseiten der Flügel mit weißen Farbflächen ausgekleidet sind und dann eine Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß zum Vorschein bringen. Die reduzierte Formensprache sowie Farbgebung stehen konzeptuell wie ästhetisch im Stil des Minimalismus, beziehen sich aber in ihrer Semantik auf die Überlieferung eines religiösen Rituals, und verbleiben in Form dieser künstlerischen Proportionsstudie als kultisches Relikt, als Staffage.
Erfolgt mit dem Objekt "Polyptychon" eine Nivellierung des Ikonischen, ist es hingegen die Ikone selbst, welche im Bild "Skull" reversiv zum Gegenstand der Betrachtung wird: Zu sehen ist eine auf traditionelle Weise mit Blattgold veredelte Fotokopie des Abbilds eines Schädels sowie dessen Schattenwurf. Es handelt sich um die Wiederholung der Reproduktion des von Andy Warhol 1976 angefertigten Siebdrucks, welche Straub hier in einer dokumentarisch-analytischen Weise als Vanitasmodell aufgreift, doch zugleich durch das Verfahren des Vergoldens erneut eine Technik der Ikonisierung heranzieht und zum Bildsujet werden lässt.
Das Aufgreifen und Umformen einer konkreten Materialität erhält in der Arbeit "Schwarzes Quadrat" eher einen konzeptuellen Charakter. Der von Thomas Straub für dieses Bild verwendete Bildträger ist ein vom Künstler entnommenes Blatt aus einer (weißen) Papierskulptur des Künstlers Felix Gonzalez-Torres, welche dieser im Format des Malewitschen "Schwarzen Quadrats" angefertigt hatte. Straub hat diese nun weiße Bildfläche in sieben mal sieben quadratische Einheiten unterteilt, mit schwarzem Poliment eingefärbt und mit einem Schriftbild versehen. Die so in Graphit auf 49 gleichgroßen Quadraten gezeichneten Lettern ergeben " in Folge gelesenen " einen Schriftzug, welcher einer Lichtkunstarbeit des Konzeptkünstlers Bruce Nauman entlehnt ist. Die schimmernde Oberflächenstruktur der einzelnen Buchstaben auf schwarzem Polimentgrund changiert dabei je nach Lichteinfall (und unter Einfluss der leicht nach vorne gekippten Hängung) zwischen Präsenz und Abwesenheit, und pendelt so zwischen Lesbarkeit und Dekonstruktion des Dargestellten innerhalb einer von Straub geschaffenen Quadratur.
Christina Irrgang

Reto BOLLER
Henrik EIBEN
Niki ELBE
Petri ESKELINEN
Corinna KORTH
Steffen LENK
Virginie MOSSÉ
Holger NIEHAUS
Todd NORSTEN
Sally OSBORN
Jörn STAHLSCHMIDT
Meik STAMER
Thomas STRAUB
Daniel WOGENSTEIN
Eröffnung: Samstag, den 18. April 2009 ab 19 Uhr
Celebration: ab 22 Uhr
Dauer der Ausstellung: 19. April bis 23. Mai 2009
Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 18 + Sa 11 – 15 Uhr
Wörtlich gesehen ist “moving the goalposts“ / „Die Torpfosten verschieben” nicht nur ein Titel des britischen Liedermachers Billy Bragg, sondern auch eine Phrase, die meint, dass die Regeln des Spiels geändert werden. Dies geschieht bevorzugt unbemerkt, was allerdings zumeist nicht gelingt, jedoch bedeutet es auch gesteigertes Engagement und kann durchaus Vorteile verschaffen. Die Gruppenausstellung „moving the goalposts“ zeigt das ganze Team von tinderbox sowie weitere spannende Künstlerinnen und Künstler, die die Spielfläche der Welt und der Gesellschaft mit ihren Werken bereichern. Jeder versucht auf seine Weise, die normierte, gleichgeschaltete Welt mit mehr Gehalt und Tiefe zu beleben. Individuelle Freiheiten werden dabei genutzt, die eigene Position auszubauen und zu sichern und sich mit eigenen Regeln Autonomie zu schaffen.
Der Schweizer RETO BOLLER (*1966) „malt“ aus unterschiedlichsten Materialien (Silikon, Holz, Leim, Acryl und Aluminium) ungegenständliche, dreidimensionale Bilder und erarbeitet so formensprachlich komplexe und innovative Oberflächen, Farben und Formen. Ob monochrome Wandfläche oder vielschichtige Bodeninstallation, die Kontraste und Spannungen fordern dabei den Betrachter zu diversen Standpunkten und Blickrichtungen heraus. Durch das Infragestellen der traditionellen Bild- und Raumauffassung sowie der Objektdimensionen sind Bollers Werke gleichzeitig Bild und Installation. Die Grenzen zwischen Vorder- und Hintergrund, zwischen Objekt, Wand und Raum verschwimmen und unsichtbare Zwischenräume, Verborgenes und Überdecktes rücken in den Fokus.
Auch HENRIK EIBEN (*1975) „malt“ eine Mischung aus Bild und Wandobjekt: Holzrahmen, Metall, aber auch andere Gegenstände werden mit verschiedenen Stoffen bespannt, umnäht oder behäkelt und bemalt. Die scheinbar strikt geradlinigen Kompositionen haben häufig eine spielerische Komponente und werfen herkömmliche Gattungsbegriffe lässig über den Haufen. Die Abweichung von der Perfektion, die Zusammenstellung verschiedener Stoffe und Materialien interessiert ihn ebenso wie deren ästhetische Qualität und deren implizierte Klischees. Seine dem Minimalismus nahestehenden Arbeiten lassen jedoch gegenständliche Assoziationen zu, die oft durch die Titel gestützt werden. Eiben hat gattungsübergreifend zu einer eigenen Formensprache und Ausdrucksweise gefunden, die ihm zuletzt in Sao Paulo Erfolg beschert hat.
In ihren graphischen Arbeiten zeichnet und aquarelliert NIKI ELBE (*1970) menschliche Figuren und Tiere in grell-farbigen Traumwelten. Die Papierflächen werden dabei oftmals nur an einer Stelle bemalt, welche in der Leere des Blattes verloren und stark zugleich wirken. Der sensible Umgang mit Farben und Formen wird auf der weißen Fläche besonders deutlich. Seit Kurzem wählt die Künstlerin auch Formate, die bis zu zwei Meter messen können. Die umrissbetonte Zeichnung von größtenteils Frauen und Mädchen tritt in Kontakt mit bunten Tieren, Pflanzen und Wohnmobiliar. Dabei entstehen Traum- und Albtraumwelten, in denen das Individuum isoliert und auf sich selbst bezogen dargestellt ist und die auch gesellschaftliche sowie sozialkritische Parallelen nahelegen.
PETRI ESKELINEN (*1975) erforscht seine Umgebung wie ein Wissenschaftler und hält dies in Objekten und Zeichnungen fest. Apparaturen, die natürliche Vorgänge simulieren, gesellschaftliche Bewegungen, Wasserkreisläufe oder Erdplattenverschiebungen baut er in Modellen anschaulich, aber abstrahiert nach. Seine kleinteiligen, inselhaften Zeichnungen gleichen Studien zur Seefahrt oder des Städtebaus. Sie sind jedoch durch die sie umgebende Leere an einen schwebehaften, irrealen Ort entrückt. Die ursprünglichen, wesenhaften Dinge in seine Arbeiten umzusetzen, gleicht einer Darstellung von Phänomenen.
Die Performancekünstlerin CORINNA KORTH (*1975) lebt seit 2000 als offiziell geduldetes Mischwesen aus Mensch und Wolf namens Canis Lupus in Hamburg. Ihr Dasein dokumentiert sie seitdem in Photoalben und Sachbüchern, einem Stammbaum und Filmen. In unserer zivilisierten Welt ist sie in der Öffentlichkeit ein Fremdling und macht Erfahrungen der Ausgrenzung. Sie bewertet den Zwiespalt zwischen Sozialisation und Instinkt neu und führt dieses Leben mit einem guten Blick fürs Detail, viel Ironie und vor allem Humor vor. Der komplexe Kosmos von Korths künstlerischer Welt erweitert sich zunehmend auf andere Tierfamilien wie Ratten, Vögel, Hirsche und Bären.
STEFFEN LENK (*1976) ist Maler aus Leidenschaft. Mit seinen kleinformatigen Ölarbeiten führt er das schöne Bild der Realität ad absurdum. Ob pastos gemalt, lasiert oder pointillistisch, entstehen seine Motive aus der Medienwelt auf den verschiedensten Untergründen und sind nicht selten eine Materialschlacht in Ölfarben. Seine Öl-Plastiken haben ähnliche Themen und offenbaren wie die Gemälde mit einem Schmunzeln das wahre Leben. Immer wird ein praller Konnotationsbogen gespannt, der von der (Kunst-)Geschichte bis zum Pop reichen kann.
Die junge französische und in Hamburg lebende Künstlerin VIRGINIE MOSSÉ (*1977) fertigt abstrakte Objekte, Collagen, Reliefs, Mobiles, Installationen und dergleichen mehr, die die Facetten der Wahrnehmung auseinandernehmen und vorführen. Dabei schöpft sie aus einem vollkommenen Fundus verschiedenster Materialen und bewegt sich in ihren komplexen Bezugnahmen frei auf der Zeitachse der Kunstgeschichte. Ihre äußerst feinfühligen, kleinen, technisch oft imperfekten Objekte sind keiner traditionellen Kategorie zuzuordnen. Sie bilden in ihrer Einheit mit Titeln wie „Chimères“, „Käfer“, „Malta“ oder „Die Lady aus Shanghai“ sozusagen Diptychen der sinnlichen Erfassung und Wahrnehmung. Der Ausstellungsraum bildet dabei oftmals einen Bestandteil der Arbeit als eigenes Objekt, der so sensibler wahrnehmbar wird.
Die Farbphotographien von HOLGER NIEHAUS (*1975) zeigen zumeist sehr klassisch inspirierte Stillleben auf einer großen Bandbreite von Formaten von miniaturhaft bis mächtig. Blumen, Obst, Gemüse und weitere Requisiten werden perfekt arrangiert und frisch oder als traditionelles „Memento mori“ abgelichtet. Zusätzlich entstehen ungegenständliche Motive, die mit farbigen Kartons inszeniert werden. Niehaus hilft oftmals bereits in den floralen Arrangements mit Lack oder Skalpell nach, um die Wirkung des endgültigen Werkes zu keiner Zeit dem Zufall zu überlassen. Die perfekte Inszenierung einer übersteigerten Realität tritt dem Betrachter in praller Farbigkeit, maroden Erdtönen oder leuchtender, leicht nuancierter Einfarbigkeit entgegen. Manchmal ist man dabei von reinster Schönheit, ab und an von tiefer Traurigkeit überwältigt. Denn nicht nur die Endlichkeit von allem, sondern auch Erkenntnisse über die Welt, wie sie ist, werden deutlich.
Bei den Ölbildern und Papierarbeiten von TODD NORSTEN (*1967) wird klar, wie auch große Gemälde mit zeichnerischer Sensibilität behandelt werden können. Trotz visueller Leichtigkeit werden durchaus drastische und hochgradig zynische Inhalte transportiert. Stets füllt die Malerei nur einen kleinen Teil der Leinwand, eingebettet in eine weiße Fläche. Ähnlich wie in Comics spielt er mit Formen, Figuren und Textzeilen. Aus Minneapolis / USA stammend, ist sein Werk angereichert mit Anspielungen auf die amerikanischen Klischees der Kultur, Politik und der Krisen. Den Spannungspol zwischen Tradition und aktuellen amerikanischen Themen füllt er ironisch und verspielt mit seiner eigenen Sichtweise auf, die absolut entlarvend ist.
SALLY OSBORNS (*1963) Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei, Skulptur und Installation. Intuitiv wählt sie die passenden Materialien, die sie häufig mit Aquarellfarbe überarbeitet. Ihre Installationen entstehen spontan aus vorgefundenen und ergänzenden Requisiten aus einem Prozess des Experimentierens und Erschaffens gleichermaßen. Dabei weisen die intelligenten und sensiblen Kompositionen vielfältige Bezüge zur Literatur und Kunstgeschichte auf. Geprägt von Feinheiten und Fragilität entwickelt die Zusammenstellung ihrer poetischen Werke eine eigene Raumwirkung zwischen Verflüchtigung und Intensität.
Der Künstler JÖRN STAHLSCHMIDT (*1975) erschafft Installationen, die Funktion und Erscheinungsbild in Frage stellen. Beides differenziert er voneinander, hebt die jeweilige Qualität auf und setzt beides neu zusammen. Dabei entstehen Werke, die rein funktional sind oder gar keine „sinnvolle“ Funktion mehr haben, deren Aussehen allerdings eine völlig andere Referenz nahelegen. Schein oder Sein? Funktionslust und Überfluss gepaart mit der Frage nach einer Existenzberechtigung der Kunst führt uns die Realität vor Augen. In der Vollendung sind es Kunstobjekte, die zwar perfekte Prototypen sind, aber eine Wirklichkeit nahelegen, die sich bei genauem Hinsehen als unwirklich herausstellt.
MEIK STAMER (*1978) „malt“ gegenstandslose Wandarbeiten mit Wolle, Acryl, Lack und Stoff. Auf rechteckigen aber auch nicht-geometrischen Formaten schwanken seine Arbeiten zwischen Bild und Objekt. Klare Formen und konsistente Farbigkeit ziehen sich durch sein Werk ebenso wie die Phantasie anregende Titel. Auf den ersten Blick meint man Bekanntes wiederzuerkennen, muss bei näherem Hinsehen jedoch seine Meinung revidieren. Die Arbeiten Meik Stamers definieren in ihrer Konzentration einen eigenen Charakter und verlangen nach neuen, autonomen Sichtweisen.
Der Bildhauer THOMAS STRAUB (*1975) hinterfragt Profanes und Sakrales, wobei er die jeweils konnotierten Funktionen außer Kraft setzt oder umdeutet. Spanholz und Äste sind neben Blattgold seine bevorzugten Materialien für Installationen und Skulpturen, aber auch Licht, Stahl und Pappe kommen zum Einsatz. So zaubert Straub mit Blattgold eine Erhabenheit in das Profane und wertet die Dinge damit auf. Der Titel einer Arbeit kann denselben Sinn erfüllen und umgekehrt kann die Wahl eines Materials für eine kirchlich geprägte Form diese in einem neuen Licht erscheinen lassen. Der „Wert“ von Kunst, verschiedenster Materialien und im Grunde allem wird intelligent in Frage gestellt.
DANIEL WOGENSTEIN (*1977) ist Maler. Hauptsächlich auf großformatigen Leinwänden führt er den klassischen Umgang mit Ölfarbe vor. Seine Kompositionen aus wenigen Farben und Formen offenbaren den Spannungsreichtum und die Vielfalt, welche die gegenstandslose Malerei bietet. Nichts Hintergründiges wird versteckt, aber Assoziationen werden durch die Titel heraufbeschworen. Doch was der Künstler darbietet, ist die Wirkung, die reinste Malerei haben kann.
Wir freuen uns, im Anschluss an die Eröffnung ab 22 Uhr ein Fest ankündigen zu können, das nach zwei Jahren tinderbox nicht nur ein Jubiläum, sondern auch die Erweiterung und Schärfung des Programms zelebrieren soll.
Luise Neumann M.A.

Die Gemälde Daniel Wogensteins entstehen aus einem langen Prozess heraus. Die Ölfarbe wird von ihm stark verdünnt in mehreren Arbeitsgängen aufgetragen, wobei untere Schichten verdeckt, an- oder aufgelöst werden.
Insbesondere die großen Formate, aber auch die kleinen Bilder, versagen dem Auge des Betrachters die erwartete Befriedigung, denn seine Gemälde sind nicht narrativ. Isoliert findet man sich vor den Gemälden wieder, keine gegenständliche Form und keine zentrale Perspektive ermöglichen den Zugang.
Das Gemälde ist reduziert auf die Fläche, Farbe und deren Wirkung. Auch die Anzahl der Farben und Formen sind minimiert. Die vorherrschende Farbe ist Schwarz, hinzu kommen Weiß und gemischte Rottöne. Seine Kompositionen sind auf Spannung angelegt, die allein von der Farbe getragen wird. Häufig findet man Schwarz neben Weiß gesetzt oder neben einem glühenden Rotton. Die Formen, die Wogenstein aufnimmt, sind Anleihen an die Geometrie und erscheinen in Serie nebeneinander oder überlappen sich. Als Bildelemente sind sie aus Farbe geformt, stehen jedoch nicht im Vordergrund, sondern durchdringen die Leinwand.
So experimentiert Wogenstein mit der Wirkung der Farbe, mit ihrer Kraft und der Energie bzw. Dynamik mehrerer Farben. Dabei entstehen sensible, nahezu monochrome, jedoch nie eintönige Bilder und diffuse Farberuptionen. Gleichzeitig entwickelt er Werke mit exakten Farbkontrasten und geometrischen Ordnungsversuchen der Farben und ihrer Energien.
Der Künstler zeigt uns keine Welt, die wir kennen, er schafft mit seinen Bildern eine eigene erfahrbare Realität. Besonders auf den großen Formaten wandern die Augen, das Material und die Farbe beginnen zu flimmern und machen unerwartete Nachbilder, Tiefen und räumliche Bewegungen sichtbar. Einige Titel verweisen auf Situationen und Emotionen, scheinen auf mehr anzuspielen als sichtbar. Die Bilder laden dennoch nicht zu vielfältigen Assoziationen ein, sie bieten sich ausschließlich als Projektionsfläche an.
Gerade der Farbton Schwarz, als Gegenpol jeder Farbe oder Nichtfarbe, fordert heraus und saugt begierig jegliche Deutungen auf. Die reduzierte Farb- und Formenpalette begünstigt dies. Wie Kenneth Noland, Ad Reinhardt oder Barnett Newman reduziert er die Mittel der Bildherherstellung auf ein Minimum und ordnet alles der Farbe unter. Er greift ihre Ideen auf und verarbeitet sie zu faszinierenden Objekten. Was für den Künstler zählt, ist die Kraft, die von den Bildern ausgeht und die Energie, die in ihnen gebunden ist.
Was genau an den Gemälden Daniel Wogensteins beeindruckt, ist schwer zu fassen: die Wucht der Farbe, die großen Formate, das Verhältnis zum Raum oder der Person davor?
Der Künstler bietet dem Betrachter nichts an, er bedient ihn nicht. Im Gegenteil er fordert ihn heraus.
Daniel Wogenstein wurde 1977 geboren und hat in Karlsruhe bei Gustav Kluge studiert. Dieses Jahr wurde ihm dort der Debütantenpreis der Akademie der Bildenden Künste verliehen. Mit sieben befreundeten Künstlern betreibt er zudem seit Anfang 2005 die V8 in der Viktoriastraße: eine Plattform für Kunst, die Atelier und Ausstellungsraum gleichermaßen bietet.
Luise Neumann M.A.

Der Maler Steffen Lenk schöpft die Ölmalerei voll aus, auf kleinen Formaten und auf verschiedensten Materialien - mal pastos, mal lasiert und mal pointilistisch. Dabei verwendet er oftmals alltägliche Motive aus den Medien, aktuelle sowie historische Bilder und Comics. Diese Alltäglichkeiten fallen ihm auf, da in ihrer Beiläufigkeit etwas Absurdes liegt, was neue, oft überraschende Zusammenhänge offenlegt.
Zum Teil greift er mit dem Pinsel in bestehende Fotos oder Drucke ein und sorgt damit selbst für einen neuen Zusammenhang. Dabei hinterlässt die Ölfarbe einen fettigen Fleck, wie auf der Einladungskarte zu dieser Ausstellung, auf der er den Titel in die Werbeanzeige für einen Malblock eingefügt hat.
Neben den Leinwänden malt Lenk unter anderem auch auf Folien, Karton, Stoff und Milchtüten, wobei er die Eigenschaften des Hintergrundes in sein Werk einbezieht. Die Gemälde Lenks zeigen einen fröhlichen Farbenrausch, in dem ein Hauch von Abgrund mitschwingt, wie in dem Bild von Lucky Luke, der von seinem eigenen Schatten erschossen wird oder dem Berggipfel, der von einem fremdartigen rosa Leuchten umgeben ist. Besonders auf diesem kleinformatigen Bild ist die Materialschlacht, die Menge der verwendeten Ölfarbe, deutlich zu sehen. Die Helden der Comic- und Popkultur gehören ebenso zu seinem Repertoire wie Landschaften, Portäts, Tiermotive und Schriftzüge in Frakturschrift.
Kleine Plastiken aus Fundstücken, die er mit Ölfarbe ergänzt und Installationen aus Bauholz komplettieren sein Oeuvre. Aus grobem Spanholz entstehen zum Beispiel ein Imbisswagen oder ein Klohäuschen. In diesen inszenierten Räumen oder an groben Sperrholzwänden präsentiert der Künstler zum Teil seine Werke. Ähnlich wie in seinem selbst gezimmerten Atelier, in dem sich sein Leben zwischen Punkkeller und Kneipe abspielt. Damit wird nicht nur deutlich, dass Lenk das provisorisch wirkende, rauhe Holz höher bewertet als weiße, ordentlich verputzte Wände, sondern auch dass in seinen Installationen zweifelhafte Dinge neu bewertet werden und ihre Nutzung zu einer Kunstform, zu einer eigenen Kultur erhoben wird. Wie in seinen Gemälden tritt er damit den Konventionen der scheinbar heilen Welt auf den Schlips. Jedoch erschöpft sich Lenk nicht in ironischen Gesten, sondern fügt häufig auch eine politische, soziale oder gesellschaftskritische Komponente in seine Gemälde und Installationen ein.
Der Künstler überzeugt durch den qualitätvollen und starken Umgang mit der Malerei und motivischen Versatzstücken. Farben und Formen behandelt er stets unter streng kompositorischen Gesichtspunkten. Traditionelles Tafelbild und globalisierter Einheits-Inhalt verbinden sich zu einem ganz auf die Malerei bezogenen Umgang mit Hintergrund, Form und Farbe.
Lenks Werk bewegt sich durch seine Motive, Installationen, eingebrachte Sinnsprüche und seine Materialwahl auf der Grenze zur Provokation und zur Trivialität. Dennoch ist genau dort sein individueller künstlerischer Ansatz lokalisierbar - auf der Grenze zwischen klassischer Malerei, Pop und Dada.
In der Ausstellung „All colors are beautiful“ präsentiert sich der Künstler diesmal mit einem endlosen Mal- und Zeichenvergnügen und bringt damit karibisches Flair ins trübe Hamburg.
Der 1976 geborene Steffen Lenk studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und war Meisterschüler bei Günter Umberg. Neben zahlreichen Galerieauftritten von Frankreich bis Hamburg war Lenk zudem in Instituionen wie der Villa Merkel in Esslingen (2008) oder im Martin-Gropius-Bau Berlin (2005) vertreten.
Luise Neumann M.A.