John von Bergen, Thorsten Brinkmann, Manfred Holtfrerich, Benjamin Mastaglio, Sandra Meisel, Seok Lee, Martin G. Schmid, Oliver Schmidt, Christof Zwiener
LOST IN SUMMER
09.07.2010
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21.08.2010
LOST IN SUMMER

Es ist Sommer und alle fahren in die Ferien. Alle? Nein, Künstler sind immer im Dienst und neuerdings auch ihre Galeristen. Von einer jungen Mannschaft aus New York, Berlin, Hamburg und Kiel werden frische künstlerische Positionen präsentiert, die sich im weitesten Sinne mit Fragen der Deformation der Wirklichkeit befassen. Bei den Künstlern handelt es sich um „Stammspieler“, Neuentdeckungen und einige Sommerfrischler von befreundeten Berliner Galerien zu Gast in Hamburg:

John von Bergen, der an der School of Visual Art in New York studierte, zeigt eine Installation aus gegossenen Kunststoffobjekten, bei denen Steckdosen eine vitale Rolle spielen. Die fiktive Realität von Skulptur in Kombination mit abstrakten Zeichnungen hinterfragt suggestiv die Wahrnehmung uns bekannter Dinge.

Thorsten Brinkmann ist für seine skuril-skulpturalen Selbstporträts bekannt. In seinen Fotografien inszeniert er sich in merkwürdigen Verkleidungen und zeigt humorvoll die Verkapselung des Einzelnen in unser medial gelenkten Welt.

Manfred Holtfrerich analysiert mit verblüffender Klarheit banales wie Laubblätter, indem er sie täuschend echt aquarelliert und dabei die Frage stellt: Wie konkret ist eigentlich die Wirklichkeit? Dazu zeigt er formschöne, bemalte Holzskulpturen, die an mathematische Gleichungen erinnern.

Auch der Kieler Künstler Benjamin Mastaglio widmet sich der Frage, welche Funktion die Malerei im Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion in der heutigen digital vermessenen Welt noch haben kann. Er antwortet mit komplexen Farbkompositionen, Streifenbildern und geometrischen Raumgebilde in leuchtenden Farben aus klassischem Haushaltslack, die zugleich abstrakt und gegendständlich sind.

Sandra Meisel, eine Berliner Bildhauerin, arbeitet auch mit Fotografie, etwa wenn sie mit einer selbstgebauten Lochkamera stimmungsvoll verschwommene Landschaften und Stillleben einfängt. In dieser Ausstellung zeigt sie verträumt-konzeptionelle Fotos von Palmen und Käfigen.

Seok Lee, ein deutsch-koreanischer Künstler, der an der Hamburger HfBK studiert hat, malt in altmeisterliches Licht getauchte Innenräume oder Landschaften, die auf iritierende Weise in Abstraktionen zerfließen. Diesmal verbindet er seine eigenwillige Ölmalerei mit einem Wandfesco.

Martin G. Schmid arbeitet in Schichten. Seine geometrisch-futuristischen Abstraktionen entstehen in langwierigen Transferprozessen, bei denen er Strukturen von Fotopapier auf Leinwände überträgt und bearbeitet. Auch seine Zeichnungen sind geschichtete Bildcollagen, die Landschaften einer anderen Welt evozieren.

Oliver Schmidt arbeitet in Fotoserien, etwa mit lakonisch-komischen Porträts und Interieurs seiner Großmutter. Die großformatige Fotoarbeit in der Ausstellung zeigt einen jungen Mann mit rosa Phallus in der Hand in einem wahnwitzigen Chaoszimmer kauern – ein augenzwinkerndes Selbstporträt als sinnsuchender Heranwachsender.

Christof Zwiener signalisiert mit seiner rotierenden Skulptur „Von der Möglichkeit, einen Freiheitsgrad zu besitzen“, die Kohlebriketts fragil transportiert, die Eingebundenheit in ein System, daß sich mit der Verteilung von Energie auseinandersetzt.
White Trash Contemporary
Adresse: Neue Burg 2 (Ecke Willy-Brandt-Strasse) 20457 Hamburg
Telefon: +49.40.36099935
Telefax:
Öffnungszeiten: Mi-Fr, 13-19 Sa, 12-16
Julien Rouvroy
AFRICA BLUE
09.04.2010
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09.06.2010
WTC präsentiert den belgischen Maler Julien Rouvroy (*1979) mit seiner zweiten Einzelausstellung “Africa Blue” in der Galerie.

2006 setzte der Künstler die Serie “Wunderkind” in den Mittelpunkt. Hierbei spielten die Erfahrungen von Kindern mit dem Unbekannten im Leben eine Rolle. “Die älteste und stärkste Gemütsbewegung, die die Menschheit kennt, ist die Angst; und die älteste und stärkste Art von Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.”, schreibt der amerikanische Schriftsteller H.P.Lovecraft. Dieses angsteinflössende Unbekannte zieht sich auch durch die Serie “Africa Blue”. Julien Rouvroy, in Ruanda aufgewachsen und erzogen, erforscht in seinen neuen Arbeiten die unterschiedlichen Denkansätze für unser Afrika-Bild: auf der einen Seite die Medien mit ihren selektiven Meldungen über Genozid, Krankheit, Armut und natürlich momentan Fußball, andererseits die schon länger anhaltenden Diskussionen über Kultur und Kunst des “schwarzen Kontinents”. Erstmals wurde die Documenta 2002 von dem Afrikaner Okwui Enwezor kuratiert.

Der Glaube an die Macht von Geistern und Dämonen gehören zur Alltagskultur in allen Ländern des afrikanischen Kontinents und diesen Zustand vermag Rouvroy in seiner Malerei uns sehr genau mitzuteilen. Ferne Autolichter beleuchten in der Arbeit “City Limits”, eine an einen Baum gelehnte Figur aus dessen Mund Hyänen Fleisch fressen. Das ist nicht absurd, sondern einer Fotografie entnommen, die in einem Vorort von Nairobi aufgenommen wurde. In den Autos sitzen die Zuschauer des grausigen Spektakels.
Voodoo, Glauben, Geister erscheinen in Rouvroy’s Malerei wie fotografische Negative und kehren so die helle Realität in die dunklen Töne des Aberglaubens um. In “Knowboy” berühren Hände den Kopf eines Kindes. Ein okkultes Ritual um das vermeindlich Böse zu entfernen.

Doch nicht nur Voodoo und andere Magie sind die Aussagen der Ausstellung. Die Spuren postkolonialer Diktatur findet man in den Tierdarstellungen des Künstlers. Rouvroy begab sich nach Brüssel und studierte am dortigen Museum Musee Royal de l'Afrique Central die aus den sechziger Jahren stammenden Dioramen der afrikanischen Tierwelt. Diese von belgischen Experten hergerichteten Schaukästen bergen alle Klischees über das geheimnisvolle primitive Afrika. In seinen Gemälden wählt Julien Rouvroy dramatische Ausschnitte aus diesen künstlichen Szenerien und zeigt uns damit, wer in Wahrheit die Exotik Afrikas vermittelte – die kolonialen Europäer.
JERRY BERNDT
DIE NACHT
11.02.2010
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03.04.2010
White Trash Contemporary zeigt Jerry Berndts “Nite Works"-Serie – die zweite Einzelausstellung des preisgekrönten US-Fotografen in Hamburg

Vernissage: Do. 11.Februar 2010, 19.00Uhr in Anwesenheit des Künstlers

Zwielicht, Halbwelt, Nachtleben. Jerry Berndt hat sich in seiner Künstlerkarriere immer wieder für Zustände der Dunkelheit interessiert. In einzigartigen Fotoreportagen über Bostons Rotlichtmilieu (“Combat Zone”) oder Obdachlose (“Missing Persons”) dokumentiert er die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft. Aber er nutzt die Nacht auch als konzeptuellen Rahmen für seine “Nite Works”, eine faszinierende Serie von Nachtaufnahmen in der menschenleeren Großstadt. Die kontrastreichen, brilliant komponierten Schwarzweißbilder von Häuserecken in Downtown, geschlossenen Ladenlokalen und beleuchteten Schaufenstern, aufgenommen mit langer Verschlusszeit nur mit vorhandenem Licht, stehen in der Tradition klassischer Fotokünstler wie Eugéne Atget und Brassai, aber auch amerikanischer Fotorealisten wie Walker Evans oder Lee Friedlander. Gleichzeitig belegen sie Jerry Berndts besondere Sensibilität für die sozialen und politischen Schwingungen der Situation. Egal ob er in Stripclubs mit Feingefühl und flinkem Finger am Auslöser auf Tuchfühlung mit Huren, Freiern und Zuhältern geht oder seine Mittelformatkamera in aller Ruhe in schummerigen Gassen auf eine triste Hausfassade richtet, seine Fotografien vermitteln auf magische Art die jeweilige Stimmung des Ortes. Dass Jerry Berndt als politischer Aktivist und Vietnam-Kriegsgegner in den sechziger Jahren vom FBI verfolgt, mit Berufsverbot belegt und damit zu seinen einsamen “Nachtschichten” quasi gezwungen wurde, verleiht den Bildern eine zusätzliche düstere Dimension.

“In seinen Nachtbildern sieht die Stadt aus wie eine leere Theaterbühne, bei der man nicht weiß, ob sie schon verlassen wurde von den echten Menschen oder noch auf sie wartet (...) Man sieht in diesen Bildern, dass das, was sie zeigen, kein unabwendbares Schicksal, sondern menschengemachtes Elend ist – und wenn es ein Kriterium gibt, das politische Fotografie unterscheidet vom melancholischen schwarzweißen Stimmungszeugs, das die Foto-Plakatshops füllt, dann ist es genau dieses”, schreibt Niklas Maak über Jerry Berndts Werk (FAZ, 15.2.2009). Mit hochgelobten Einzelausstellungen im Museum für Photographie Braunschweig und bei C/O Berlin wurden seine Fotoarbeiten erstmals einen größerem Publikum Deutschland vorgestellt. Maik Schlüter, der damalige Direktor des Braunschweiger Museums, war durch eine Ausstellung bei White Trash Contemporary auf den Künstler aufmerksam geworden. Über Jerry Berndts “Nite Works”-Serie schreibt er in dem Katalog: “Die Abwesenheit jeder Aktivität bietet die Möglichkeit, sich allein auf Licht, Atmosphäre und architektonische Struktur der jeweiligen Situation zu konzentrieren. Auch wenn diese Arbeit deutliche Bezüge aufweist zu Fotografien von Lee Friedlander, Stephen Shore, Ed Ruscha oder in einem weiteren Bogen zu Walker Evans bis hin zu Eugéne Atget, steht für Jerry Berndt hier weniger das konzeptuelle oder typologisierende Moment im Vordergrund als vielmehr ein psychologischer Ausnahmezustand und eine spezifische, symbolische Stimmung der Nacht.”

Die Ausstellung umfasst Fotografien aus Jerry Berndts “Nite Works”-Serie, darunter “historische” Aufnahmen aus Boston, Newport und Warschau aus den siebziger Jahren, aber auch aktuelle Nachtansichten von Paris, Berlin und New York.

Jerry Berndt wurde 1943 in Milwaukee, Wisconsin, geboren. Seit mehr als 30 Jahren hat er sich als Dokumentarfotograf mit Reportagen über den Genozid in Ruanda, den Bürgerkrieg in Haiti und Obdachlose in Amerika einen Namen gemacht. Seine Fotos erscheinen in bedeutenden Publikationen in den USA und Europa, darunter die New York Times, Newsweek und Paris Match. Seine Arbeit wurde mit renommierten Preisen geehrt, darunter eine Auszeichnung der US-Kulturstiftung National Endowment for the Arts und Stipendien der Universität von Kalifornien.

Der Steidl-Verlag veröffentlichte 2008 unter dem Titel “Jerry Bernd: Insight” ein umfassendes Katalogbuch. Da der Katalog bereits vergriffen ist bietet die Galerie eine signierte Ausgabe an.

Jerry Berndts Fotos sind in den Sammlungen wichtiger Museen, darunter das Museum of Modern Art in New York, das Museum of Fine Arts in Boston und die Bibliotheque National in Paris, sowie in der Sammlung von Sir Elton John vertreten. Er lehrte Fotografie am Art Institute in Boston und an der Universität von Massachusetts. Heute lebt er mit seiner Frau und seinem Sohn in Paris.